Der offene Forschungscampus: Ein Ort, an dem wissenschaftlicher Austausch produktiv gelebt werden kann.

Innovationskraft als Wettbewerbsfaktor

Deutschland und China sind zwei sehr unterschiedliche Wirtschaftsnationen, die doch sehr ähnliche Ziele verfolgen. Beide wollen ihre zukünftige Wettbewerbsfähigkeit sichern und setzen dabei bewusst auf Innovationen in Forschung und Entwicklung. Da in Zeiten von Digitalisierung und verkürzten Innovationszyklen vor allem zeitliche Faktoren eine übergeordnete Rolle einnehmen und Forschungsergebnisse, z. B. in Form von eingereichten Patenten, im globalen Wettlauf als Ausdruck der nationalen Wirtschaftsmacht zu verstehen sind, wird stets nach neuen Strategien und Optimierungen in wissenschaftlichen Prozessen gesucht.

Eine zielgerichtete Forschung braucht die Bündelung von Wissen und Methode und somit einen Ort, an dem diese Kooperation produktiv gelebt werden kann, an dem Mitarbeiter direkt kommunizieren und gemeinsam experimentieren können. Die Rede ist von Kommunikationsräumen, in denen Mitarbeiter aus verschiedenen Sparten zusammenkommen und Zugriff auf Ressourcen und Equipment haben. Ermöglichen kann das ein offener Forschungscampus, der die Menschen zusammenbringt und an dem sowohl Unternehmen als auch Wissenschaftseinrichtungen zusammenfinden und sich intensiv austauschen können.

Der der Bio-Pharmaceutical Enterprise Accelerator bietet Kommunikationsräume, in denen sowohl Unternehmen als auch Wissenschaftseinrichtungen zusammenfinden und sich intensiv austauschen können.
Ein urbanes Ensemble aus 15 Gebäuden: Von der Blockrandbebauung staffeln sich die Gebäude des Forschungscampus in Shenzhen kaskadenartig ab und gehen mit weit auskragenden Fußgängerplattformen organisch in eine großzügige, neugestaltete Parklandschaft über.

Stadträumliche Voraussetzungen in Deutschland und China

Ein solcher Campus lebt von seiner städtischen Integration, welche wiederum stark von der Stadtstruktur und den Arbeitsanforderungen der Kooperationsunternehmen abhängt. Dass diese Voraussetzungen in Deutschland und China völlig unterschiedlich sind, zeigt ein exemplarischer Vergleich des Siemens Campus im fränkischen Erlangen und des Forschungscampus für Biopharmazeutik im chinesischen Shenzhen.

Die chinesische Stadt des 21. Jahrhunderts und die europäische Stadt, meist geprägt durch die Zeit der Industrialisierung, haben einen grundsätzlich anderen Ausgangspunkt, um eine recht neuartige Typologie wie den Campus in das jeweilige Stadtgefüge zu integrieren.

Shenzhen, einst Reiskammer und Obstgarten Chinas, durchlebt in den letzten 40 Jahren eine rasante Entwicklung. Die von der Regierung seit 1978 verfolgte „Politik der ökonomischen Öffnung“ stellt für die landesweite Stadtentwicklung eine Zäsur dar und setzt die Städte einem bisher unbekannten Urbanisierungsdruck aus. Besonders relevant in dieser Entwicklung ist die Einrichtung der Sonderwirtschaftszonen, zu deren ersten das Pearl River Delta mit der heutigen Metropole Shenzhen gehört. Während in Peking und Shanghai die Stadtentwicklung an historischen Stadtzentren anknüpft, entstand das Pearl River Delta buchstäblich auf der grünen Wiese. Noch in den Siebzigerjahren war Shenzhen mit 2.000 Einwohnern, größtenteils verteilt auf kleine Siedlungen, eine Kleinstadt. Heute ist sie mit ihren über 12 Millionen Einwohnern zu einem ökonomischen, urbanen sowie soziokulturellen Real-Laboratorium avanciert und kaum adäquat mit einer westlichen Stadt vergleichbar: Sie ist weder mono- noch polyzentrisch, sondern vielmehr ein Stadtkontinuum, in dem sich unterschiedliche Formen von Dichte und Intensität ausmachen lassen.

Campus mit städtischer Integration

Neue Innovationsräume in Shenzhen und Erlangen

Fließender Übergang zwischen Architektur und Landschaft

Der Forschungscampus in Shenzhen

Im östlichen Bezirk Pingshan entstehen derzeit mehrere Industrieparks für unterschiedliche Branchen, darunter der „Biomedicine Industrial Park“ mit seinen knapp 3,3 Quadratkilometern, der die ganze Wertschöpfungskette der Gesundheitswirtschaft von Forschung und Entwicklung über Produktion bis zum Vertrieb zusammenfasst.

Teil des Industrieparks ist der Bio-Pharmaceutical Enterprise Accelerator, der sich in ein angelegtes Straßenraster im Stadtkontinuum in zwei Ausbauphasen eingliedert. Auf einem Grundstück von 11 Hektar entsteht hier ein von uns entworfener Campus, in dem biopharmazeutische Start-ups zu international wettbewerbsfähigen Unternehmen entwickelt werden sollen. Mit dem Grundgedanken, in diesem Stadtkontinuum einen Ort hoher Dichte und Intensität zu schaffen, entwarfen wir an den Hauptverkehrsachsen im Südosten ein urbanes Ensemble aus 15 Gebäuden.

Die urbanen Eckpunkte werden durch drei Hochhäuser städtebaulich prägnant akzentuiert. Von der Blockrandbebauung staffeln sich die Gebäude kaskadenartig ab und gehen mit weit auskragenden Fußgängerplattformen organisch in eine großzügige, neugestaltete Parklandschaft über, die zum integralen Bestandteil des Entwurfs wird. Als Erholungsangebote und Kommunikationszonen bietet er zudem ein Kulturzentrum sowie Sportanlagen.

Der grüne Campus stellt einen fließenden Übergang zwischen Architektur und Landschaft her und bietet gleichzeitig einen urbanen Charakter mit heterogenem Nutzungskonzept. Im Bereich der Produktion verfügt er über Labore, eine Bibliothek und weitere Servicebereiche inklusive eines Rechenzentrums sowie eigener Stromerzeugung. Mit einer flexibel gestalteten Arbeitslandschaft für Forschung und Entwicklung ist der Campus ideal auf die Anforderungen von Start-ups ausgelegt. Gebaut wird ein großzügiges, gemischtes Quartier, das über Apartments und Retail sowie ein Gesundheitszentrum und ein Public Service Center verfügt. — Ein räumlich geschlossener Campus, der doch öffentlich zugänglich ist und jungen Unternehmen einen attraktiven Arbeits- und Lebensraum bietet.

Der Forschungscampus in Erlangen

Gegenüber der Millionenmetropole Shenzhen wirkt das fränkische Erlangen mit knapp über 100.000 Einwohnern sehr beschaulich. Dennoch ist die Stadt Schauplatz des derzeit größten Bauvorhabens von Siemens weltweit. Im Süden des bestehenden Stadtgefüges lassen wir einen neuen Campus entstehen, der das seit 1965 von Siemens genutzte und sehr heterogen gewachsene Forschungszentrum als offenen und grünen Stadtteil revitalisiert. Das Areal von rund 54 Hektar wird von begrünten Boulevards, Plätzen und Parks durchzogen und verbindet die Stadt über den Campus mit dem angrenzenden Naturschutzgebiet. Für Siemens bietet der neue Campus mit Büro- und Laborarbeitsplätzen, einem Konferenzzentrum sowie Gastronomie- und Servicebetrieben für rund 12.000 Menschen die idealen Voraussetzungen, um die unterschiedlichen Forschungs- und Entwicklungsabteilungen der Medizin- und Energietechnik zusammenzuführen. Die Bürogebäude sind allerdings so flexibel gestaltet, dass sie es anderen Unternehmen ermöglichen, sich auf dem Campus niederzulassen. Gleichzeitig wird die Technische Fakultät der Universität erweitert, die Flächen auf dem Siemens Campus bezieht.

Unser neuer Campus verfolgt ebenfalls ein Konzept der Nutzungsmischung. Das Erdgeschoss ist Teil des öffentlichen Raums und erlaubt ein urbanes Zusammenspiel von öffentlichem Leben und dem geschäftigen Treiben des Innovationsclusters von Siemens. Dazu trägt auch die nahtlose Anbindung des Stadtteils an den öffentlichen Nahverkehr bei, die auch für den großen Anteil an Wohnraum sowie die Bildungseinrichtungen wichtig ist. Ziel unseres Entwurfs ist es, das bestehende Stadtgefüge mit einer gleichbleibenden, gemäßigten Dichte im Maßstab Erlangens fortzuschreiben. Gerade die zentrale, 30 Meter breite Grünachse soll dabei als Erholungs- und Kommunikationsraum dienen. Der lebendige, grüne Campus-Stadtteil mit starker architektonischer Identität öffnet sich gegenüber der Stadt Erlangen und vernetzt das Unternehmen mit dem Umfeld.

Der Forschungscampus Erlangen: Ein lebendiger, grüner Campus, der innen auf hybride Holzbauweise setzt.
Erlangen ist Schauplatz des derzeit größten Bauvorhabens von Siemens weltweit: Wir von KSP Engel lassen im südlichen Stadtgefüge einen neuen Campus entstehen.
Unterschiedliche Integration in den repräsentativen Stadtraum

Gemeinsamkeiten und Unterschiede bei der Projektabwicklung

Beide Projekte in Deutschland und China sind Teil einer staatlichen Strategie zur Steigerung der Wettbewerbsfähigkeit von Zukunftstechnologien. Die 2015 ausgerufene Regierungsinitiative „Made in China 2025“ ist an die deutsche Initiative „Industrie 4.0“ angelehnt. Die chinesische Regierung forciert ihre Ziele mit großem finanziellen Aufwand, aber auch sehr strategisch. Dazu gehört neben dem Kauf von ausländischen Unternehmen und deren Know-how auch die Ausbildung von Forschungs- und Entwicklungszentren. Sie stellen eines der wichtigsten Instrumente dar, um stark fragmentierte Branchen zu konzentrieren und untereinander kooperieren zu lassen.

Der Forschungscampus spielt dabei als städtebauliche Typologie eine bedeutende Rolle. Ob in Deutschland oder China, die Herangehensweise ist bei der Planung grundsätzlich immer die gleiche. Unterschiede werden in der Dimension und im städtischen Maßstab wirksam, was andere Maßnahmen beispielsweise in Bezug auf Dichte erfordert. Dabei werden die kulturell bedingten Differenzen in der Auffassung von öffentlichem Raum und von Nutzererwartungen an Arbeits- und Lebensräume berücksichtigt. In beiden Fällen geht es darum, die idealen räumlichen Bedingungen zu schaffen, um unterschiedliche Formen des Zusammenarbeitens und verschiedene Unternehmensstrukturen auf einem Campus zu bündeln.

Die Geschwindigkeiten von Planung und Umsetzung eines solchen Forschungscampus unterscheiden sich in den Ländern allerdings erheblich. Durch kürzere politische Entscheidungswege und Entscheidungsgewalten Einzelner sind die Möglichkeiten in China größer, ein Konzept nach der Entscheidung zeitnah in vollem Umfang umzusetzen. Die Forderungen der Stadt an ein Projekt sind in China umfangreicher und werden rigider durchgesetzt. Um den eigenständigen Campuscharakter zu stärken, werden öffentliche Verkehrsknotenpunkte und Public Services wie Bürgerzentren, Kindertagesstätten und Quartiersärzte gefordert.

Die für China typische, kaum vorstellbare Parallelität von Planung und Umsetzung und die Just-in-time-Produktion sollen hier auf die Architektur übertragen werden. Diese besondere Mentalität zeigt sich am Beispiel des Forschungscampus in Shenzhen: Es wird zwar „auf der grünen Wiese“ gebaut, doch bevor die Planung für den Campus konkretisiert wurde, war bereits eine umfassende Infrastruktur geschaffen. Nicht nur Versorgungsanschlüsse und Straßen, sondern auch U-Bahnen und Grünflächen waren fertiggestellt. Spätere Anpassungen werden zugunsten einer schnelleren Projektumsetzung in Kauf genommen.

Der Vorlauf einer Planung, etwa die Grundstücksakquise und Vorstudien für Bebauungspläne, ist für uns nur schwer zeitlich zu vergleichen, wenn wir nicht selbst damit beauftragt waren. Doch bereits im Zeitraum zwischen der Beauftragung über den Baubeginn bis zur anvisierten Fertigstellung zeigen sich deutliche Unterschiede. Für die 672.000 Quadratmeter Gesamtfläche des Forschungscampus in Shenzhen vergingen zwischen Beauftragung und Baustart acht Monate. Weitere viereinhalb Jahre sollen bis zur Fertigstellung vergehen. Der Siemens Campus in Erlangen mit 850.000 Quadratmetern Gesamtfläche benötigte hingegen vom Wettbewerb bis zum Baustart ganze zwei Jahre. Für die Fertigstellung in mehreren Bauabschnitten werden weitere 14 Jahre veranschlagt. Die Monate oder gar Jahre, die hier ein Campus in der Planungs- und Bauphase länger dauert, ist die Forschung in China bereits voraus. Damit unter der Geschwindigkeit nicht die Qualität leidet, sind Erfahrung und der eigene Anspruch an hochwertige und ästhetische Räume maßgeblich.

In Deutschland kann nur gemeinsam mit der Politik ein Forschungscampus dieser Dimension entwickelt werden. Sie verfügt allerdings nicht über die alleinige Entscheidungsgewalt, wie es oft in China der Fall ist. Nur mit dem persönlichen Engagement aus der Politik ist es möglich, Rahmenvereinbarungen zwischen Bundesland und Stadt für Förderungen zu schließen, städtische Grundsatzbeschlüsse herbeizuführen und die Bevölkerung rechtzeitig einzubinden. Über Jahrzehnte sind Siemens und die Stadt Erlangen gemeinsam gewachsen. Die direkte Projektentwicklung durch den Immobilienbereich des Konzerns „Siemens Real Estate“ und Bemühungen aller Parteien haben die zügige Entwicklung des neuen Forschungscampus ermöglicht.

Zwei Konzepte eines grünen Forschungscampus
Urbanität sowohl in Shenzhen als auch in Erlangen Urbanität entsteht nur dann, wenn eine Balance zwischen städtischer Dichte und Freiraum vorherrscht und der Maßstab der Umgebung berücksichtigt wird.

Ausblick

Der Forschungscampus wird auch weiterhin ein Kernbestandteil der Wirtschaftsförderung in beiden Ländern sein. Seine nachhaltige städtische Integration kann nur gelingen, wenn er die Stadt selbst fortführt. Ein offener Campus mit Mischnutzung ist die Voraussetzung für ein lebendiges Stadtquartier. Ein besonderer Fokus unseres Städtebaus liegt auf dem jeweiligen Stadtcharakter, denn Urbanität entsteht eben nur dann, wenn eine Balance zwischen Dichte und Freiraum vorherrscht und der Maßstab der Umgebung berücksichtigt wurde.

Unsere Projekte haben uns gezeigt, dass unsere Expertise nicht nur in China wertvoll ist, sondern unsere dort erlangten Erfahrungen auch umgekehrt für unsere Vorhaben in Deutschland relevant sind. Der Siemens Campus ist in seiner Dimension und Konzeption richtungsweisend in Deutschland. Auch in China wird die Stadtentwicklung zukünftig integrativer werden. Nach der ersten Phase der chinesischen Industrialisierung müssen die Industrieareale umgenutzt und für die Forschungs- und Dienstleistungsgesellschaft revitalisiert werden. Dennoch, die Geschwindigkeit beim Bau und der Maßstab von Campusprojekten sind in China um ein Vielfaches höher.

Die Relevanz von staatlicher Förderung für die Entwicklung von neuen Technologien ist für beide Wirtschaftsnationen essenziell, und der Forschungscampus als Typologie ist ein wirkungsvolles Instrument zur Förderung von Innovationen. Investitionen in Zukunftstechnologien brauchen die Zusammenkunft unterschiedlicher Partner von der Universität über Forschungsinstitute bis hin zu Unternehmen und Produktionsstätten. Sowohl bei einer Standortbündelung verschiedener Geschäftsfelder als auch beim Wunsch nach besonderen Synergien für den internationalen Wettbewerb benötigen Konzerne die richtigen infrastrukturellen und logistischen Voraussetzungen. Für Städte ist die Bündelung aller Partner auf einem Forschungscampus ein Entwicklungsschub für den Wirtschaftsstandort und ein wichtiger Beitrag zur Sicherung des Wohlstands.

Der Siemens Campus und der Bio-Pharmaceutical Enterprise Accelerator sind beispielhaft für die Bemühungen von Unternehmen, ihre Innovationskraft zu steigern und seitens der Städte ihren Wohlstand sowie ihre Wettbewerbsfähigkeit zu sichern. China entwickelt sich immer mehr zu einem Innovationszentrum, das die etablierten Player wie die USA und Europa nicht nur einholt, sondern in einigen Branchen neue Maßstäbe setzt. Die reine Anzahl an angemeldeten Patenten ist aufgrund unterschiedlicher Kriterien keine hinreichende Bedingung, aber sie ist ein geeigneter Indikator für Innovationskraft und Ausdruck zukünftiger Wirtschaftsmacht.

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Thomas Busse
Geschäftsführer International

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Peter Feuerbach
Leiter Entwurf

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